Wirtschaftsregion

Wanderung auf dem Nibelungensteig

2,5 Tage | 57,3 Kilometer | 2.114 Höhenmeter
Zwingenberg – Schlierbach – Grasellenbach – Hüttenthal

Vor einigen Jahren sind mein Vater und ich mit dem Fahrrad um den Bodensee gefahren. Es war ein schöner Vater-Tochter-Ausflug und wir haben lange davon erzählt.
Nun war es an der Zeit, wieder etwas gemeinsam zu erleben. Wir beschlossen, Wandern zu gehen, aber nicht irgendwo, sondern hier: auf dem Nibelungensteig.
Der Nibelungensteig – rund 130 Kilometer lang mit über 4.000 Höhenmetern, von Zwingenberg an der Bergstraße quer durch den Odenwald bis Freudenberg am Main. Ja, das ist doch mal was!
Für uns als absolute Neulinge, in Bezug auf Mehrtageswanderungen, stand schnell fest: die ersten 40 Kilometer reichen uns erst einmal. Gesagt, getan, gebucht. Im Wonnemonat Mai 2016 machten wir uns auf unseren Weg, den Nibelungensteig von Zwingenberg bis Grasellenbach an zwei Tagen zu erwandern. Hier ist unser Bericht:

Tag 1 – Wandern macht Freu(n)de

Noch ein Selfie, dann geht es los! Ausgestattet mit viel guter Laune, einer Menge Motivation und natürlich unserer Kamera, machen wir uns auf den Weg zum Melibokus, dem ersten Highlight auf der Etappe nach dem Startpunkt in der schönen Stadt Zwingenberg.
Schon der erste Ausblick auf die Rheinebene ist beeindruckend. Entlang der Weinberge und auf schönen Waldwegen erreichen wir die höchste Erhebung an der Hessischen Bergstraße. Auf 517 m Höhe haben wir einen noch besseren Ausblick und kommen schnell mit anderen Wanderern und Mountainbikern ins Gespräch.
Bei traumhaftem Wetter führt uns der Steig nach dem Abstieg vom Melibokus entlang grüner Wiesen und Weiden – es riecht nach Sommer. Unser nächstes Ziel ist der Felsberg, oberhalb des Felsenmeers bei Lautertal-Reichenbach. Schon von Weitem erkennen wir die Funkstation.
Oben, am Ohlyturm auf der Spitze des Felsbergs (514 m) angekommen, werden wir von einem lauten Trubel in Empfang genommen. Es ist Feiertag und das Wetter spielt mit. Hunderte Menschen tummeln sich am Felsenmeer, gehen klettern, spazieren oder frönen ihrem Hobby. Besonders die Boulderer haben es uns angetan. Ohne Hilfsmittel erklimmen sie die massiven Felsblöcke – einzig eine Matte auf dem Boden dient der Sicherung. Aber auch eine Gruppe mit ferngesteuerten Geländeautos („Rock Crawler“) üben ihre Fahrkünste auf dem abwechslungsreichen Gelände.
Wir suchen uns ein sonniges Plätzchen auf den Felsen und legen eine Rast ein. Von hier aus haben wir einen tollen Blick auf das Felsenmeer und das rege Treiben. Alle haben sie Spaß am Klettern, egal ob jung, alt, dick oder dünn :-)

Reisebericht_Felsenmeer

In Schleifen führt uns der Nibelungensteig dann entlang des Felsenmeeres hinab Richtung Reichenbach. Am Felsenmeer-Infozentrum (FIZ) gönnen wir uns ein Eis und kaufen frische Erdbeeren an einem kleinen Bauernstand – eine Stärkung, die wir gleich noch brauchen werden!
Wir durchqueren den Lautertaler Ortsteil Reichenbach (194 m). Da dieser Streckenabschnitt direkt entlang der asphaltierten Straße führt, wird er uns nicht gerade in schöner Erinnerung bleiben… aber wir müssen ja auf die andere Seite des Tals und daher nehmen wir auch diesen Abschnitt gerne auf uns.
Nach Reichenbach führt uns der Steig steil bergauf, sodass wir oben angekommen erst einmal eine kurze Verschnaufpause an der dortigen Schutzhütte einlegen müssen. Immerhin werden wir mit einem schönen, weiten Blick ins Lautertal belohnt!
Das nächste Highlight kommt für uns recht unerwartet. Mitten im Wald stoßen wir plötzlich auf einen gigantischen Felsen! Der Hohenstein (wie wir später nachlesen) liegt auf 321 m Höhe und ist ein Quarzitfelsen, der auch zum Klettern genutzt wird. Beeindruckt sehen wir zu, wie der rund 10 m hohe Brocken erklommen wird.
Aus dem Wald herauskommend, erblicken wir schon von Weitem das Hofgut Hohenstein. Das Anwesen und der Außenbereich wirken herrschaftlich und auch hier genießen wir einen traumhaften Ausblick. In der Ferne können wir die Spitze des Felsbergs ausmachen. Der „Blick zurück“ gibt uns neue Motivation für den nächsten Etappenabschnitt!
Durch Zufall machen wir einen Abstecher auf eine freie Fläche einige Meter ab vom Steig. Hier liegt die Elisabethenruhe (390 m), an der Elisabeth Fürstin zu Erbach-Schönberg (1873-1961) gerne eine Rast einlegte. Den idyllischen Platz bestimmen wir kurzerhand als unseren „Geheimtipp“.

Reisebericht_Schannenbach

Wir setzen unseren Weg fort und nehmen den nächsten Aufstieg zum Knodener Kopf (511 m). Ganz unverhofft knacken wir sie dann: unsere ersten 1.000 Höhenmeter. Nicht schlecht für den ersten Tag! Stolz wie Bolle gelangen wir schließlich in den Lautertaler Ortsteil Knoden. An einem Bauernhaus fragen wir einen älteren Herrn, ob das da in seinem Brunnen Trinkwasser sei und wir unsere Trinkflaschen dort füllen könnten. „Ai, isch drink dodraus seit seschzisch Johrn!“, kommt es freundlich zurück. Alla gut, dann lassen wir es uns schmecken!
Sogleich geht es weiter durch Schannenbach, den nächsten Ortsteil, rauf zum Krehberg (575 m). Kurz vor dem höchsten Punkt, können wir an der Mathildenruhe in der Ferne den Kaiserturm auf der Neunkirchner Höhe (605 m) in ca. 4 km Entfernung erblicken – Luftlinie versteht sich.
Vom Krehberg führt nun ein sehr steiles Stück den Berg hinunter zum Lindenfelser Ortsteil Schlierbach. Selbst bergab macht uns dieser Abschnitt zu schaffen. Spätestens hier sind wir für unser gutes Schuhwerk dankbar… Eine kleine Überraschung wartet dann noch am Ende unserer ersten Tages-Etappe am Ortsrand auf uns: ein Kneipp-Bad! Ohne zu zögern, ziehen wir die Schuhe aus und gönnen unseren müden Füßen eine kurze „Erfrischung“.
In Schlierbach kommen wir am Stickelfriedhof vorbei. Die weiß bemalten Bretter, die anstelle eines Grabsteins aufgestellt sind, tragen die Namen der Verstorbenen, das Geburts- und Sterbedatum sowie einem aufgemalten Blumentopf mit einer heranwachsenden, einer blühenden und einer verwelkenden Tulpe. Wir lesen später nach, dass dieser calvinistische Brauch wohl zur Zeit der Reformation nach Schlierbach kam und bis heute gepflegt wird.
Im Gasthaus „Zum Römischen Kaiser“ beziehen wir unser Zimmer und nach einer wohlverdienten Dusche lassen wir den Abend bei Kochkäs-Schnitzel und selbstgekeltertem Ebbelwoi gemütlich ausklingen.

Tag 2 – Ein sagenumwobenes Auf und Ab

Am Morgen des zweiten Tages unserer Nibelungensteig-Wanderung stellen wir fest: es hat geregnet. Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf den Weg, ziehen den Regenschutz über unsere Rucksäcke und die Regenjacke an. Tatsächlich kommen wenige Minuten nach unserem Aufbruch die ersten Tropfen.
Der Nibelungensteig führt uns steil bergauf nach Lindenfels und gibt uns einen kleinen Vorgeschmack auf die heutige Etappe. Oben angekommen erwartet uns Burg Lindenfels (361 m) und eine Horde Drachen, die überall in der Stadt verteilt die Häuser und Straßen bewachen. In einer Bäckerei in der Fußgängerzone holen wir uns zwei Granatsplitter – die wohl besten im ganzen Odenwald, finden wir – gegessen wird aber später.
Der Weg macht eine kleine Schleife oberhalb des Ortes und wir erhalten einen tollen Blick auf Lindenfels, die Burg und den Odenwald. Mittlerweile lässt der Regen etwas nach und im sich anschließenden Waldstück bleiben wir fast trocken. Hier wird der Nibelungensteig zu einem schmalen Pfad und wir fühlen uns wie im Urwald…
Nach der letzten Biegung stehen wir auf einer saftig-grünen Wiese. Links von uns liegt das Gersprenztal, rechts von uns das Weschnitztal. Die Sonne ist auch wieder da und wir lassen den Blick ein paar Minuten schweifen. Am Gumpener Kreuz (280 m) verstauen wir den Regenschutz und machen uns auf Richtung Stotz (478 m).
Ein großer Sandstein markiert den alten Grenzweg zwischen der damaligen Grafschaft Erbach und dem Gebiet der Kur-Pfalz bzw. von Kur-Mainz. Obwohl der Nibelungensteig auf diesem Abschnitt eine lange Zeit und teilweise sehr steil bergauf führt, genießen wir die Tour durch den dichten Wald. Der Waldboden raucht und kleine Nebelschwaben bahnen sich ihren Weg über das nasse Laub. Kein Wunder, dass sich um den Odenwald zahlreiche Sagen und Legenden ranken.

Reisebericht_Nebel

Bei der Kreuzung am Stotz (427 m) verlassen wir wieder den Wald und der Nibelungensteig führt uns langsam bergab Richtung Weschnitz. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals können wir schon die Walburgiskapelle ausmachen. Versteckt im Wald schimmert sie, angestrahlt von der Sonne, durch die Bäume hindurch. Das nächste Ziel vor Augen, geht es weiter.
Wir durchqueren den Reichelsheimer Ortsteil Ober-Ostern. Eine schöne, kleine Holzbrücke führt uns über den Osterbach. Ab hier geht es in Serpentinen den Berg hinauf. Über knochige Wurzeln und vereinzelte Holzstufen, erklettern wir uns den Weg. Mittlerweile ist es wieder sehr schwül geworden und wir sehnen uns nach der wohlverdienten Rast an der Kapelle – und den leckeren Granatsplittern :-)
Dann haben wir es geschafft! Oben, auf der in 471 m Höhe liegenden Walburgiskapelle, treffen wir auf viele Wanderer und legen unsere Pause ein. In der Ferne können wir Burg Lindenfels ausmachen. Immer wieder kommen neue Wandergruppen den Berg hinauf. Allen kann man den Anstieg ansehen und natürlich die Freude, beim Anblick der Kapelle und dem weiten Blick ins Weschnitztal.
Frisch gestärkt lassen wir unseren Rastplatz hinter uns und begeben uns weiter Richtung Grasellenbach. Wir kommen an mehreren „Patenbäumen“ vorbei – Bäume, die von ihren Baumpaten anlässlich ihrer Hochzeit oder der Taufe ihres Kindes gepflanzt wurden. Eine schöne Idee, wie wir finden.
Gegen Ende der heutigen Etappe verbindet sich der Nibelungensteig mit dem Geopark-Pfad „Nibelungenweg“. Die Schautafeln des UNESCO Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald erzählen die Sage rund um den Drachentöter Siegfried, die schöne Kriemhild und den finsteren Hagen von Tronje. Aufmerksam folgen wir der Geschichte und fühlen mit den Protagonisten mit.
Kurz vor Grasellenbach treffen wir erneut auf ein Kneipp-Bad. Wie an Tag eins nutzen wir die Möglichkeit und folgen den Empfehlungen von Sebastian Kneipp. Eine zweite Wandergruppe schließt sich uns an und schnell wird aus der „Kur“ eine Mutprobe.

Reisebericht_Wanderbaum

Der Wanderbaum in Grasellenbach (381 m) markiert unser Etappenziel am zweiten Tag – ungeplant. Ein aufziehendes Gewitter macht uns einen Strich durch die Rechnung und wir beschließen, den Siegfriedbrunnen, unser eigentliches Etappenziel, am darauffolgenden Tag zu erwandern. Wir machen das Beste daraus und gönnen uns ein leckeres Stück Kuchen im prämierten Nibelungencafé im Hotel Gassbachtal. Wir beziehen unser Zimmer im Hotel und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Tag 3 – Einer geht noch

Am frühen Morgen begrüßt uns wieder die strahlende Sonne. Nach einem schönen Frühstück begeben wir uns gut gelaunt auf den letzten Etappenabschnitt und kommen sehr gut voran. Der Muskelkater vom Vortag ist heute kaum noch zu spüren (oder wir haben uns einfach daran gewöhnt…).
Im Wald ist ganz schön was los – dutzende Vogelarten stellen ihre Gesangskünste zur Schau und zwitschern, was das Zeug hält. Der Morgentau auf den Blättern spiegelt sich in den einzelnen Sonnenstrahlen und der moosige Waldboden duftet herrlich. Eindrücke, die sich nicht mit Fotos festhalten lassen, sondern man einfach selbst erleben muss.
Der sagenumwobene Siegfriedbrunnen (499 m) erwartet uns auf einer schattigen Lichtung. Hier soll der Nibelungensage nach Siegfried sein tragisches Ende gefunden haben. Zwar gibt es im Odenwald mehrere dieser „Originalschauplätze“ – der Siegfriedbrunnen in Grasellenbach gilt aber sicherlich als der bekannteste.

Reisebericht_Siegfriedbrunnen

Nun sind wir am geplanten Ziel unserer Wanderung angekommen. Kurzerhand werde ich in der Nibelungensteig-Taufe, mit Quellwasser aus dem Siegfriedbrunnen, getauft. Ein nasses Vergnügen, aber ich bin stolz auf unsere Leistung. Als Einstieg in meine bevorstehende Wanderkarriere (*lach*) war der Nibelungensteig sicherlich die beste Wahl!
Kurzerhand beschließen wir, unsere Tour weiter fortzusetzen. Es geht durch den Wald, hoch zum Spessartskopf (548 m). Auch hier wechselt der Odenwald wieder einmal sein Gesicht. Der Wald wird lichter, hohe Nadelbäume bestimmen nun das Bild. Wir begeben uns in ein Naturschutzgebiet. Am Olfener Moor – auch „Rotes Wasser“ genannt – bestaunen wir die seltene Flora des Bruchmoors. Ein Forstarbeiter kreuzt unseren Weg. Er berichtet uns von der Entwicklung des Moores, seiner zeitweisen Trockenlegung und Renaturierung durch das Anlegen von Stauebenen. Wir sind beeindruckt!

Reisebericht_Olfener Moor

Vom Olfener Bild aus, einem ehemaligen Sammlungsort für Wallfahrer, führt uns der Nibelungensteig weiter Richtung Güttersbach (314 m). Auch hier wechseln schattige Waldpassagen mit saftig-grünen Wiesen. Wir sind umgeben von den sanften Hügeln des Odenwaldes und folgen dem Steig zum Mossautaler Ortsteil Hüttenthal.
Keine Minute zu spät erreichen wir Hüttenthal (274 m) – denn seit einiger Zeit werden wir von einer dicken Gewitterwolke verfolgt. Auf einer Übersichtstafel, die bei der Molkerei Hüttenthal steht, können wir unsere zurückgelegte Strecke der letzten Tage begutachten. Auf der letzten Stufe zum Molkereilädchen setzt dann der Platzregen ein. Wir versorgen uns mit frischer Buttermilch, leckeren Keksen der Reichelsheimer Herrenmühle und suchen uns einen geschützten Platz unterm Dach. Bei Sturm und Hagel lehnen wir uns zurück, danken Petrus für unser Wetter-Glück und lassen unsere erlebnisreiche Wanderung Revue passieren…

Fazit:

Für uns war es etwas ganz Besonderes, den Nibelungensteig zu wandern. Der Steig ist nicht umsonst mit dem Prädikat „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ des Deutschen Wanderverbands ausgezeichnet. Der Streckenverlauf ist abwechslungsreich und, nicht nur für Einsteiger wie uns, anspruchsvoll. Auf den ersten 40 Kilometern locken viele Highlights, aber auch die ruhigen Passagen durch den Wald sind ein wahres (Natur-)Erlebnis.

Ein großer Dank geht an den Odenwaldklub e.V. (OWK), der die Markierungsarbeiten am Steig übernimmt – wir haben uns kein einziges Mal verlaufen und stets unseren Weg gefunden. Die Zielwegweiser geben einen guten Überblick, wodurch der Nibelungensteig auch ohne Wanderkarte problemlos erwandert werden kann. Die Kilometerangaben auf den Karten und Wegweisern haben sich aber teilweise mit denen auf unserem Navigationsgerät unterschieden (pro Tagesetappe ca. zwei Kilometer Differenz).

Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist im mittleren Bereich des Nibelungensteigs, also ca. zwischen Grasellenbach und Amorbach, leider etwas schwierig. Es empfiehlt sich hier im Voraus zu planen, oder die Variante über Erbach zu nehmen, so wie es einige Wanderer getan haben, die wir auf unserem Weg von Zwingenberg aus getroffen haben.

Möglichkeiten zum Zelten, Übernachten, Einkehren und Wasser auffüllen haben wir immer wieder entdeckt. Wir empfehlen aber auch hier, die Etappen im Vorfeld grob abzustecken, denn der Nibelungensteig führt oft weit entfernt an Ortschaften vorbei – eben mitten durch den Odenwald.

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