Wirtschaftsregion

Ein Epos, in Stein gemeißelt

Kunst, Geschichte und Fiktion sind auf dem Nibelungensteig bei Bürgstadt untrennbar miteinander verbunden. Neuerdings kann der Besucher des Fernwanderwegs dort nicht nur den Spuren der Geschichte folgen, sondern zugleich zahlreiche Sandsteinfiguren bewundern, die direkt den Sagen um den Drachentöter Siegfried entsprungen zu sein scheinen.

Skulpturenweg bei Bürgstadt - ein Epos in Stein gemeißelt
Skulpturenweg bei Bürgstadt - ein Epos in Stein gemeißelt - © myOdenwald, Petra Arnold

Wer sich auf den Bergen oberhalb von Bürgstadt auf Wanderschaft begibt, der trifft auf Spuren der Vergangenheit. Wanderführer Josef Eck zeigt Interessierten die Überreste des Ringwalls, den die Kelten einst dort errichteten. »Bereits vor 5000 Jahren haben Menschen hier gesiedelt«, erklärt er. Die Ruine der Centgrafenkapelle stammt aus dem 17. Jahrhundert. Zwischen mächtigen Buchen und Eichen gelegen, erinnert sie den Betrachter an Kaspar David Friedrichs GemäldeAbtei im Eichwald. Am Wegesrand liegen Mühlsteine, ein Sarkophag-Rohling und die sogenannten Heune-Säulen. »Das sind Relikte des mittelalterlichen Buntsandsteinabbaus«, erzählt Eck. Die Sagen, Geschichten und Sehenswürdigkeiten der Region kennt der Vorsitzende des Odenwaldklub Miltenberg genau.

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Der historische Wanderweg ist Teil des Nibelungensteigs, der auf einer Länge von 130 Kilometern von Zwingenberg an der Bergstraße quer durch den Odenwald bis nach Freudenberg am Main verläuft.
Seit Mai 2020 verstärken neun markante Skulpturen aus Buntsandstein die Erinnerung an das mittelalterliche Epos. Neben den wichtigsten Figuren bilden sie auch Schauplätze, Gegenstände und Ereignisse, etwa den Kampf zwischen Siegfried und dem Drachen Fáfnir, nach. Infotafeln versorgen den Wanderer mit Erklärungen zu den Darstellungen. Mit Bart und Hammer in der Hand wurde der Zwerg Alberich gestaltet, in einer mit einem Speer bewaffneten Frau ist eindeutig die kriegerische Königin Brünhild zu erkennen und wer den Nibelungenschatz sucht, der wird hier zumindest eine steinerne Version davon finden.

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Josef Eck zählt zu den Initiatoren aus der örtlichen Odenwaldclub-Gruppe, die das Projekt auf die Beine gestellt haben – angetrieben von der Idee, die historischen Relikte mit den Geschichten um den Drachentöter zu verbinden. »Unser Gedanke war es, Sandsteinskulpturen zur Nibelungensage gemeinsam mit Schülern zu gestalten und diese am Nibelungensteig bei Bürgstadt aufzustellen.«

Das Konzept eines Bildungs- und Jugendwanderwegs unter dem Motto „Historie und Fantasie – sehen – erfahren – erleben“ hat die Jugendgruppe selbst entwickelt.

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Geschaffen wurden die Kunstwerke von der zehnten Klasse der Miltenberger Mittelschule unter der Anleitung von Alexander Schwarz. »Für mich war es wichtig, die Schüler zu leiten, ohne ihre persönliche Freiheit bei der Gestaltung einzuschränken«, erklärt der Bildhauermeister. »Ich musste zwar ab und zu helfen, aber die Ausführung haben die Schüler selbst gemacht.«

An zahleichen Aussichtspunkten entlang des Weges eröffnet sich dem Wanderer ein schöner Ausblick auf den Main und seine benachbarten Regionen.

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Der Herbst verleiht den Skulpturen mit seinen leuchtenden Farben eine nahezu magische Aura. Selbst der finster dreinblickende Hagen von Tronje wirkt dann nicht mehr ganz so düster. Zu ihm weiß Eck eine ganz besondere Geschichte zu erzählen: »Er hat möglicherweise in der Nähe von Bürgstadt eine Furt genutzt, um Weinfässer in den Spessart zu transportieren und Siegfried in die Falle zu locken.« Ob das stimmt? Der steingewordene Hagen schweigt dazu.

Text: Philipp Schaab, Fotografie: www.myodenwald.de, November 2020

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