Das Grubenhausprojekt versucht, das Aussehen frühmittelalterlicher Häuser möglichst genau zu rekonstruieren. © SG / M.C. Thumm
23.04.2026 / Das Experimentalarchäologische Freilichtlabor Lauresham im UNESCO Welterbe Kloster Lorsch lädt am Sonntag, den 03. Mai 2026, wieder zum Tag der Experimentellen Archäologie ein. Lauresham-Leiter Claus Kropp M.A. und sein Team stellen zwischen 10 und 17 Uhr vielfältige Themen des Frühen Mittelalters zum Zuschauen und Mitmachen vor und bieten mit Vorträgen und Infoständen ein öffentliches Forum für die Wissenschaft.
„Wir lassen unsere Gäste an diesem Tag den Forschenden über die Schultern schauen und möchten gleichzeitig einen lebendigen Einblick in unsere Arbeit und die unserer Kooperationspartner vermitteln“, charakterisiert Kropp das Programm. Eingeladen sind alle Interessierten, Familien ebenso wie Fachpublikum. Der Besuch ist kostenfrei; für das leibliche Wohl wird gesorgt sein.
Lehren für die Gegenwart und Zukunft
Auf dem begehbaren, 4,1 Hektar großen, idealtypischen 1:1-Modell eines karolingischen Zentralhofes des 8./9. Jahrhunderts mit Häusern, landwirtschaftlichen Flächen und Nutztieren erhalten die Besuchenden bei Vorführungen und durch Beteiligung an Live-Experimenten nicht nur konkrete Anschauungen zum Leben im Mittelalter. Sie gewinnen auch Eindrücke von der Vielzahl der Projekte, die Lauresham betreibt und wissenschaftlich auswertet. Dazu zählt die Erforschung des frühmittelalterlichen Ackerbaus, auch mit Pflugvorführung, genauso wie das Damastschmieden oder die Untersuchung der Ausstattung von Panzerreitern jener Zeit. Viele der Unternehmungen tragen die Siegel von Naturschutz und Nachhaltigkeit, behandeln also Themen, die für Gegenwart und Zukunft Relevanz haben können: Mit dem „WIR in Lorsch“-Projekt geht es beispielsweise um die Revitalisierung lokaler
Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft und bei der Lebensmittelproduktion.
Textilhandwerk im Fokus
Anlässlich des Themenjahres zum Immateriellen Kulturerbe steht an dem Tag der Experimentellen Archäologie das Textilhandwerk im Vordergrund. Der Handweberei, seit 2023 bereits auf der Liste herausragender traditioneller Handwerke, wird im Webhaus ein besonderer Programmpunkt gewidmet. So können Besucherinnen und Besucher sowohl das Spinnen als auch das Weben am Gewichtswebstuhl erleben. Darüber hinaus wird es auch Vorführungen zum Brettchenweben und der besonderen Textiltechnik des Sprangs und Nadelbindens geben.
Übersicht über die Projektvorstellungen im Freilichtlabor
Wölbäckerprojekt
Wie wurden vor 1200 Jahren Ackerflächen bewirtschaftet? Was kann von alten Flurformen und Bewirtschaftungsweisen auf gewölbten Äckern, die durch eine besondere Pflugtechnik
entstehen, im Hinblick auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gelernt werden?
Raumklima in frühmittelalterlichen Häusern
Wie effektiv konnten mittelalterliche Menschen ihre Häuser heizen? Wie war das Wohnklima? Welche Wärmegrade waren im Vergleich zur Außentemperatur zu erzielen?
Panzerreiterprojekt – auf der Spur einer frühmittelalterlichen Elite
Seit vielen Jahren versucht das Freilichtlabor mit Partnern, die komplette Ausrüstung eines frühmittelalterlichen Panzerreiters zu rekonstruieren. Seit einem Jahr dreht sich das Projekt um die Frage, wie Wagen in dieser Zeit effektiv mit Lebensmitteln, Waffen und Werkzeugen für den Kriegszug beladen werden konnten. Für einen diachronen Blick über die Entwicklung von Kampfkunst und Schwertformen sorgt zudem die Fechtschule Krifon mit ihrer umfangreichen Sammlung und Live-Vorführungen ihrer Fähigkeiten.
Forschungscluster Transport und Verkehr
Seit mehreren Jahren arbeiten das Freilichtlabor und die Technische Universität Darmstadt gemeinsam an der Erforschung mittelalterlicher Mobilität. Versuche mit einem rekonstruierten Einbaum, der Bau eines Einachswagens und Versuche zum historischen Straßenbau erweitern Stück für Stück das moderne Bild von frühmittelalterlichen Reisenden und Händlern.
Grubenhausprojekt
Wie groß sind die Interpretationsspielräume bei der (Re)konstruktion frühmittelalterlicher Häuser? Wie wurden im Frühmittalter effektiv Güter gelagert? Fragen wie diese werden im
Rahmen des Grubenhausprojektes bereits seit 2018 im Freilichtlabor untersucht.
Auerrindprojekt
Wie ist der Kenntnisstand über die Wildnis vor 1200 Jahren und welche Schlussfolgerungen sind im 21. Jahrhundert daraus zu ziehen? Das Auerrindprojekt erforscht den im 17. Jahrhundert ausgestorbenen Auerochsen und stellt sich an diesem Tag mit Originalexponaten vor.
Frühmittelalterliches Damasthandwerk
Kaum ein Handwerk besaß im Frühmittelalter ein solches Prestige wie das Schweißverbundverfahren, mit dem hochwertige Waffen mit der ikonischen Damastmaserung gefertigt wurden. Das Freilichtlabor und die Firma Archäotechnik Trommer erforschen darum diese Art der Schmiedekunst und haben dafür bereits mehrere frühmittelalterliche Funde wie ein in Mannheim gefundenes Langschwert repliziert.
Wir in Lorsch (Lehr- und Versuchsacker)
Seit dem Jahr 2021 betreibt das Freilichtlabor mit seinen Partnern im Rahmen des regionalen Vernetzungsprojekts „Wir in Lorsch“ auch einen Lehr- und Versuchsacker für Zugtiere bzw. tierische Anspannung im 21. Jahrhundert. Ziel ist es zu zeigen, warum diese Art der Landwirtschaft auch heutzutage wichtig sein kann.
Funde und Befunde zu Webhäusern und ihre (Re-)konstruktion
Auch das (früh-) mittelalterliche Textilhandwerk wird in Lauresham gepflegt und erforscht. Archäologische (Be-) Funde aus Tilleda (Sachsen-Anhalt) und anderen Orten geben Einblicke in die Arbeit mit Textilien und bildeten die Grundlage für das Webhaus in Lauresham. Fragen nach dem Gewichtswebstuhl, den Gruben sowie archäologischen und schriftlichen Quellen sollen im Fokus stehen.
Live Experiment zu frühmittelalterlichen Kriegspfeilen
Im Zuge der Ausstattung eines karolingischen Kriegswagens wurden auch mehrere frühmittelalterliche Kriegspfeile gebaut. Im Experiment soll getestet werden, welche Zugkraft vonnöten ist, um diese wirkungsvoll zu verschießen.
Trainieren wie ein echter Panzerreiter
Ob Bogenschießen oder das Training mit Holzschwertern: An diesem Tag können Kinder spielerisch in die Vergangenheit eintauchen mit Übungen, wie sie auch schon 1200 Jahren gemacht wurden.
Wir geben Geschichte Zukunft
Seit 80 Jahren erhalten, erforschen und betreuen die Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen 48 einzigartige Zeugnisse der Landesgeschichte – ehemalige fürstliche Residenzen, Orte der Klosterkultur, Ensembles der Gartenkunst und viele einzelne Denkmale. Ziel unserer Arbeit ist es, Menschen für die Zeugnisse der Vergangenheit zu begeistern und ihnen Raum für Erleben, Inspiration und Rekreation zu bieten. Wir tragen dazu bei, dass Kulturdenkmale als historische Orte kulturelle Identität stiften, Orientierung geben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.
Kontakt für weiterführende Informationen:
c.kropp@kloster-lorsch.de
Claus Kropp
T. +49 (0)173-6450540